Auf den Trichter gekommen

Auf den Trichter gekommen

Shoppingtag, der Junior brauchte neue Beinkleider. Wir wühlten uns durchs Sortiment der Herrenabteilung des hiesigen Kaufhauses und suchten eine erste Auswahl zum Anprobieren zusammen.

Geht das eigentlich nur mir so?

Ich finde diese Einkaufsläden immer unendlich warm. Schon am Eingang schälte ich mich etwas ungeschickt aus meiner Jacke und versuchte sie anschließend lässig über meinen linken Unterarm drapiert zu transportieren. Am rechten Arm baumelte meine Handtasche schwer wie Blei. Vor der Umkleide ließ ich mich erschöpft auf eine kleine Bank fallen und legte die Jacke und die Tasche ab. Letztere hatte mittlerweile hässliche Striemen auf meinem Unterarm hinterlassen.

Während mein Sohn unsere Ausbeute anprobierte, schnappe ich ein Gespräch am Ende des Umkleideganges auf. Ein junges Mädchen probierte eine Regenjacke an. Unentschlossen drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her. „Guck mal“, berät der Vater fachkundig, “die kannst du sogar so klein falten, so das sie in diese kleine Tasche passt, die an der Seite der Jacke eingearbeitet ist!“ Die Tochter verzieht leicht das Gesicht. „Also über die Farbe können wir noch diskutieren, die Jacke selbst wird genommen“, schloss der Vater mit fester Stimme. „Ja gut“, lenkt die Tochter ein und lief dem Vater nach, der sich, seine Aussage bekräftigend, schon umgedreht hatte und ging. „Aber nicht in der Farbe! Papa, aber nicht in dieser Farbe! Ich nehme schwarz, da ich sie ja eh nur an dunklen Regentagen anziehe!“, hörte ich die Tochter beim Hinterherlaufen noch mit dem Vater verhandeln.

Wo ich gehe und stehe schnappe ich die Gespräche anderer Menschen auf.

Manchmal bewusst, oft aber auch unbewusst bzw. ungeplant. Die Unterhaltungen anderer Leute im Raum mitzubekommen, ist dann besonders unangenehm, wenn ich mich gerade in einem bestimmten persönlichen Gespräch befinde.

Letzteres bekomme ich, seid mir diese Eigenschaft bewusst geworden ist, viel besser gehandhabt. Ein Hoch auf meine Ausbildung zur Begleitenden Seelsorgerin an dieser Stelle.

Immer noch auf der Bank in der Umkleide sitzend schweifen meine Gedanken zu einem dieser überfordernden Gespräche nach einem ereignisreichen Gottesdienst ab. Nach dem Segen des Pastors erhoben sich die Gemeindemitglieder nacheinander und gefühlte zwei Sekunden später, ging es noch im Gottesdienstraum zu wie in einem Bienenstock. Überall redeten die Menschen durcheinander. „Sandra, Sandra, warte mal,“ rief mich Agathe, eine ältere Dame und rollte mit ihrem Rollator näher. „Ich wollte dir noch erzählen….“ Und dann berichtete sie von ihrem letzten Krankenhausaufenthalt, bedankte sich für die Karte, die ich ihr schrieb und teilte ihre Freude über den Besuch ihrer Enkelkinder mit mir. Hinten im Gottesdienstraum unterhielten sich einige Gemeindemitglieder über gewisse unauffindbare Veranstaltungsflyer. Ich schaute flüchtig hinüber und sah den Pastor mit den Schultern zucken. „Aber die müssen doch hier liegen!“ hörte ich Klaus sagen. Seine Stimme klang leicht verzweifelt. Die Flyer – ich wusste wo die lagen. Ich müsste jetzt nur… „Was sagst du dazu?“ Agathe schaute mich erwartungsvoll an. Mist, ich hatte den Gesprächsfaden verloren. Agathe wollte bestimmt nicht wissen, wo die Flyer liegen. Augenblicklich fühlte ich mich schlecht. Ich kann das doch selber auch nicht leiden, wenn mein Gesprächspartner abwesend ist, obwohl ich etwas für mich Wichtiges zu erzählen habe. So bizarr das jetzt klingen mag:

Ich bin auf der einen Seite unaufmerksam, und das, weil ich andererseits viel zu aufmerksam bin.

Ich bekomme einfach jedes Husten der Mücken mit.

Auf den Trichter gekommen
Auf den Trichter gekommen

„Es liegt an ihrem Trichter“,

verblüffte mich eine Seelsorgerin vor einiger Zeit. Ich runzelte die Stirn und lächelte leicht amüsiert, als sich vor meinem geistigen Auge sofort gewisse Küchenutensilien aufreihten. „Wenn wir in der Umwelt unterwegs sind, filtert unser Gehirn bestimmte Wahrnehmungen, Stimmen, Worte, Bilder und dergleichen aus der Summer der Eindrücke, die wir über den Tag haben.“, erklärte sie mir weiter. „So in etwa schaut der Trichter aus, den die meisten Menschen haben.“ Zur Veranschaulichung zeichnete sie schwungvoll einen Trichter auf ein Blatt Papier, der dem meiner Küchenausstattung sehr nahe kam. Oben breit und unten recht schmal, damit auch wirklich nur das Wichtigste durch kommt. „Und so in etwa sieht dein Filter aus“, illustrierte sie mir, indem sie zwei weitere kurvige Linien daneben zeichnete. Mir fiel sofort auf, das diese beiden Linien unten kaum sichtbar zueinander liefen.

Das, was viele andere Menschen offenbar für unwichtig halten, hält mein Filter für überaus wichtig und winkt es großzügig durch bis ins Zwischenhirn, der Sammelstelle sämtlicher Sinneseindrücke.

Und als ob ein menschliches Gehirn nicht schon genug zu sortieren hätte, stapeln sich in meinem dann noch zusätzlich Agathes Enkelkinder, die verloren geglaubten Gemeindeflyer oder irgend welche Regenjacken. Mit diesem Wissen ausgestattet, gelingt mir das tägliche Filtern von Eindrücken jetzt viel besser. Und so finde ich es abwechslungsreich und interessant in Geschäften irgendwelche „Regenjackengespräche“ mitzuschneiden. Gleichermaßen kann ich mich jetzt viel besser auf Einzelgespräche in vollen Räumen konzentrieren. Geht ein Gespräch über den allgemeinen „Small Talk“ hinaus, bevorzuge ich ohnehin einen ruhigeren Platz zum Austausch. Und das schlage ich dann auch meinem Gesprächspartner vor.

Auf den Trichter gekommen
Auf den Trichter gekommen

Ich zuckte leicht zusammen, als mein Sohn den Umkleidevorhang mit Schwung aufzog. In der Hand trug er drei coole Jeanshosen. „Und,“, fragte ich gespannt, „passen sie?“ Er nickte erfreut und ich griff nach meiner Jacke und der Handtasche. Wir pilgerten erleichtert zur Kasse und umrundeten auf den Weg im Slalom diverse Garderobenständer. „Mama, nicht noch mehr shoppen“, quengelte es von der Seite. Ich schaute nach rechts und sah eine Frau den Ständer mit der neuen Saisonware durchgucken. Ein kleiner Junge zerrte an ihrer Jacke. „Schhhhht“, zischte die Mutter, „ich bin ja gleich fertig!“

„Mama, kommst du?“, rief mich mein Sohn und ich beschleunigte den Schritt.

Ab nach Hause in meine ruhige Wohnung.

2 Gedanken zu „Auf den Trichter gekommen

  1. Wieder sehr sehr schön geschrieben Sandra 🙂 Ich musste ab und zu schmunzeln! Ich selbst “lausche” auch gern mal bei fremden Gespräche mit! Manchmal ist lauschen nicht mal notwendig, wenn sie so laut erzählen, dass es jeder hören kann 🙂 Spontan fällt mir da ein Gespräch in einem Reisebus in Italien ein, da saßen zwei ältere Frauen hinter uns und unterhielte sich über den Namen Da Vinci, den sie an einem Straßenschild lasen! Die eine fragte so “Ist das nicht ein Sänger?” Die andere “Ja, ich glaube, du hast recht!” Darüber muss ich heute noch schmunzeln!

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