Hast du Zeit für mich?

Hast du Zeit für mich?

Schon früh am Morgen drehte ich die Runde mit dem Hund. Obwohl Frühlingsanfang, hüllte sich die Natur noch in eine glitzernde Decke aus Raureif. Ich lobte mir meine dicke Jacke und meine Kopfbedeckung. Mit zügigem Schritt marschierte ich durch den Wald, das angefrorene Laub knirschte wie Schnee unter meinen Schuhsohlen. Dass ich etwas flotter lief lag allerdings nicht nur an der Kälte, sondern auch daran das ich am Vormittag Besuch zum Brunchen bekam. Ich liebe es mich mit netten Leuten zu treffen! Immer wieder trinken liebe Menschen bei mir einen Kaffee oder kommen in letzter Zeit auch gerne zum Brunchen vorbei.

Beziehung leben – Zeit miteinander verbringen! Das war und ist immer schon meine Sprache der Liebe gewesen. Egal ob zum Brunch, zu einem leckeren Latte Macchiato, in der Bibel lesend oder auch zum Kaffeeklatsch – ich mag und wertschätze diese Zeiten sehr.

Gleichwohl merke ich, das sich in der Betrachtungsweise etwas sehr wichtiges geändert hat. So war es mir früher stets wichtig gewesen, das Menschen Zeit für mich haben. Und das kommunizierte ich auch genau so:

„Hast du Zeit für mich?“, fragte ich.

Hast du Zeit für mich?
Hast du Zeit für mich?

Nicht selten nahm ich mein Gegenüber in diesen Zeiten viel zu sehr in Beschlag.

Ich hatte im Leben auf sehr harte Weise verinnerlicht, das Menschen einen verlassen – das Menschen mich verlassen.! „Bestenfalls“ gingen sie einfach, viel zu oft starben sie. Wen wunderte es also, wenn ich Menschen ein wenig zu fest „festhalten“ wollte?

Da war oft dieses Gefühl in mir mein Gegenüber am Kaffeetisch „zu brauchen“. Außerdem hatte ich kaum Selbstbewusstsein und machte mein Leben und meine Entscheidungen allzu oft von anderen abhängig. Und genau das spiegelte sich dann in meinem Verhalten und meiner Art und Weise zu kommunizieren.

Was ist denn jetzt anders, fragte ich mich, während ich durch den Wald lief.

Menschen kommen sehr gerne zu mir, fühlen sich wohl, fragen um Rat und schätzen es offenbar, sich mit mir auszutauschen. Und das merke ich nicht nur an der Tatsache, das einige stundenlang an meinem Tisch sitzen und wir uns wundern, wenn plötzlich 3 Stunden gefüllt mit angeregten Gesprächen um sind.

Ich laufe an den Bahnschienen entlang. Aus der Ferne nähert sich der Zug. Gleich rattert er an mir vorbei. Es ist die Perspektive, überlege ich. Es geht schon lange nicht mehr darum, das Menschen „für mich“ Zeit haben. Es geht darum, das wir füreinander Zeit haben.

Ich freue mich, wenn wir Zeit füreinander haben!

Und das ändert alles. Wenn wir Zeit füreinander haben, dann entsteht automatisch ein Geben und Nehmen. Treffe ich mich mit einem Menschen, mit dem ich gemeinsame Zeit verbringe, dann haben wir beide etwas davon. Und damit meine ich nicht, das wir Statistik über unsere Treffen führen sollten. Und wenn am Ende nicht jeder gleich viel gesagt, gelacht oder auch mal geweint hat, dann gilt das Treffen als gescheitert. Das ist ja Quatsch. Hier geht es um eine „Grundhaltung“. Dass es dabei vielleicht mal mehr um meinen Mitmenschen geht und es ein anderes Mal mehr um meine Person, ist nicht der ausschlaggebende Punkt.

Es geht um das Füreinander.

Ich glaube, das diese Grundhaltung in meinen früheren Beziehungen eine Schieflage hatte. Leider war das weder mir, noch meinen Freunden klar. Wir waren alle noch jung und keiner von uns hatte ansatzweise psychologisches oder seelsorgerisches Wissen. So erkannte keiner, noch nicht einmal ich selbst, den Grund meiner Ängste und meinen in der Folge viel zu hohen Erwartungen an den Nächsten. Es war nunmal so. Und dass viele meiner Bekannten auch wiederum mit ihrer eigenen oft unbearbeiteten Lebensgeschichte und daraus resultierenden Lebensthemen behaftet waren, machte die Sache nicht einfacher.

So ist ein Mensch, der zum Beispiel nicht Nein sagen kann, eine hervorragende Andockstation für eine Person mit Verlustängsten. Ein Mensch, der sich über Leistung definiert, findet in einem unselbstständigen Freund sein El Dorado.

Jedenfalls für eine gewiss Zeit. Irgendwann kommt dann doch in diesen Beziehungen die besagte unsichtbare „Statistik des Geben und Nehmens“ auf den Tisch. Müßig zu erwähnen, das diese Statistiken unterschiedliche Bilanzen unterm Strich haben. In einem Hagel von Sätzen wie „Du nutzt mich aus!“, „Du bist unselbstständig!“ , „Du bist nicht genug für mich da“ , „Du kostest mir zu viel Kraft!“ und ähnlichen Vorwürfen werden die Sachen zusammengerafft. Beide gehen, fortan gekränkt und enttäuscht vom anderen, getrennte Wege.

Zeit meines Lebens habe ich mir eine weise Mentorin gewünscht. So eine „Titus 2 – Frau“. Eine Frau, die fest im Glauben steht, Lebenserfahrungen mit Gott gemacht hat und eine Begleitung auf meinen Lebensweg sein würde. Besonders, wenn es vielleicht gerade mal herausfordernd wird. Eine Frau, die das Gute lehrt und junge Frauen in sämtlichen Lebensfragen anleitet.

Die Bibel drückt sich da so aus:

„dass sich die alten Frauen gleicherweise so verhalten sollen, wie es den Heiligen geziemt, dass sie nicht verleumderisch sein sollen, nicht vielen Weingenuss ergeben, sondern solche, die das Gute lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anleiten, ihre Männer und ihre Kinder zu lieben…“ (Titus 2, 3-4, Schlachter Übersetzung)

Vor ca. 4 Jahren lernte ich so eine Frau kennen. Sie ist an Lebensmonaten ein paar Monate jünger als ich. Und sie hatte das Glück, gewisse Dinge im Leben einige Jahre früher adäquat bearbeiten zu dürfen. Sie war mir eine große Hilfe und Motivation. Motivation Seelsorge in Anspruch zu nehmen und mich mit psychologischen Themen auseinander zu setzen. Mein Interesse war geweckt. So sehr, das ich mich gleichzeitig in die Ausbildung zum Begleitenden Seelsorger stürzte. Mit der Einstellung „Ich bin mir selbst der beste Kunde“ und Gottes naher Begleitung dröselten sich in den letzten zwei Jahren viele meiner Lebensthemen auf. Ich sage bewusst „aufdröseln“ und nicht etwa „verkrümeln“. Manches „verkrümelte“ sich tatsächlich, einiges liegt „aufgedröselt“ auf den Tisch. Manches schaut auch noch immer etwas „verknotet“ aus.

Ich schloss die Haustüre auf und betrat mit dem Hund etwas verfroren den Flur. Ich fütterte die Fellnase und wusch mir anschließend die Hände. Dann begann ich den Brunch vorzubereiten. Ich richtete eine Schale Müsli, holte Aufstriche aus dem Kühlschrank, zwei Eier tanzten im Topf auf dem Herd um die Wette, der Latte Macchiato verströmte einladenden Kaffeeduft. Auf dem Tisch lagen zwei Gedecke, Teller, Gläser und Besteck. Ich zündete eine Kerze an und stellte die Speisen dazu. Der Tisch wurde immer bunter und köstlicher.

Hast du Zeit für mich?
Hast du Zeit für mich?

Ich trat einen Schritt zurück uns musste lächeln. Wie schrieb ich gerade? „Einiges liegt schon „aufgedröselt“ auf meinen Tisch.“ Mein Brunch zum Beispiel, der zierte mehr als „aufgedröselt“ meinen Tisch und zeigte mir bildlich, das meine Freundin und ich gleich wieder Zeit füreinander haben werden.

Wobei – an diesem einen speziellen Tag durfte ich tatsächlich meine alte Formulierung „Jemand hat Zeit für mich!“ aus der Mottenkiste holen. Denn ich hatte an diesem Tag Geburtstag und an so einem Festtag darf es sich vielleicht auch ein wenig mehr um mich drehen (zwinker).

Diesen Artikel habe ich schon Anfang April geschrieben. Ich wollte mich unlängst melden. Es lag mir auf dem Herzen euch von unseren besonderen Zeiten, in denen wir der Kreuzigung Jesu gedachten und seine Auferstehung feierten, zu berichten. Dann wollte ich euch auch lieber einen aktuellen Bericht meiner momentanen Situation geben… Es war mir leider nicht möglich. Alles hat seine Zeit, heißt es in der Bibel und daran halte ich mich. Und so ist heute die Zeit, euch meine Aprilgedanken weiter zu geben.

Seid gesegnet,

Sandra

2 Gedanken zu „Hast du Zeit für mich?

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