Die dunkle Wolke

Die dunkle Wolke

(Ich erwähne dieses Buch aus freien Stücken (ohne Produktsponsoring oder dergl.) in meinen Post.)

„Ich heiße Sandra und habe eine depressive Episode!“ Stille! Vorsichtig löste ich meinen Blick von meinen Fußspitzen und schaute mich im Raum um. Leise Autogeräusche drangen durch das geschlossene Fenster und erfüllten die Stille mit gleichförmigem Summen. Keiner sprach ein Wort.

Wie könnte auch einer sprechen? Es war ja keiner da. Ich saß in keinem Kreis einer Selbsthilfegruppe, in der ich nach der Vorstellung mit einem herzlichen „Hallo Sandra!“ begrüßt würde. Und das war auch gut so. Erstmal reichte ich mir selbst als Zuhörer.

Mehr denn je denke ich in den letzten Wochen über meinen Artikel nach, der kürzlich in der Zeitschrift Lydia 4/18 veröffentlicht wurde. Dort schrieb ich über die Herausforderung eine Balance zu finden, den Alltag trotz Krankheiten und Schicksalsschlägen sinnvoll zu gestalten und zu genießen. Das Leben leiser feiern nannte ich den Bericht.

Wie schwer ist es doch eine Ausgewogenheit zwischen den Worten „leiser“ und „feiern“ zu finden und auch ganz praktisch zu leben.

Schaue ich auf mein Leben zurück, so waren meine depressiven Phasen oft mit einem starken Auslöser verbunden. Der frühe Tod meines Vaters, meine Notoperation nach der Geburt meines dritten Kindes , die Zeit meiner Panikattaken und die der Krebserkrankung meiner Mutter – um nur einige Beispiele zu nennen. Die Depression begleitete meine eigentlichen Schicksalsschläge damals eher wie eine Gouvernante eine Horde ungezogener Kinder. „Du wärst beinahe bei einer Geburt gestorben!“, erinnerte sie mich regelmäßig nach dieser persönlichen Tragödie und mahnte mich gnadenlos, nicht allzu fröhlich durch den Alltag zu hopsen. Das tat ich dann auch nicht, sondern schleppte mich statt dessen durch selbigen. Drei kleine Kinder wollten schließlich versorgt werden. Im Fachjargon hatte ich in diesen Zeiten eher eine sogenannte „leichte Depression“.

„Unter großer Anstrengung schaffen die Betroffenen noch ihren Alltag zu bewältigen!“,

steht dazu im Lehrbuch. Das habe ich schon im Rahmen meiner Ausbildung zur Begleitenden Seelsorgerin gelernt. Derzeit forsche ich zudem im Internet und schaue mir einschlägige Dokumentationen über Depressionen an. Nach und nach werden die Informationen zu Wissen, welches mit meinem persönlichem Erleben verschmilzt.

Die dunkle Wolke - Latte Macchiato
Die dunkle Wolke – Latte Macchiato

Vor einigen Wochen saß mit meinem Sohn zusammen und wir tranken eine Tasse Kaffee. „Weißt du Mama, du bist jetzt seid 1,5 Jahren kontinuierlich in einem privaten Bibelstudium. Du beließt dich über das Wesen Gottes, möchtest das ursprüngliche, hebräische und biblische Christsein entdecken UND setzt so vieles schon im Alltag um“, reflektierte mein Sohn. Dabei meinte ich in seine Augen ein bisschen von diesem „Mama-Stolz“ blitzen zu sehen, den er als keiner Junge oft hatte. Ich freute mich darüber. Oder doch nicht?

„Erfreue ich mich überhaupt noch an was? Was ist denn bloß los mit mir?“, fragte ich mich.

„Jedenfalls“, fuhr mein Sohn fort, „sind Anfechtungen sicherlich ein Grund für deine Depressionen. Wahrscheinlich da kommt einiges zusammen“, resümierte er und drückte mich herzlich an sich. Vorsichtig schaute ich nach oben. Ja, da war sie wieder! Wie jeden Tag fast ununterbrochen positionierte sie sich frech über meinen Kopf. Sie war es einfach leid die zweite Geige zu spielen, die Aufpasserin, die im Schatten von Schicksalsschlägen und andere Katastrophen ihr Dasein fristete. Diesmal wollte sie die Hauptdarstellerin sein. Sie drängelte sich in den Vordergrund, wollte endlich beachtet werden. Wollte nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes „bei-läufig“ sein.

„Die Dunkle Wolke“, so taufte ich sie – die Depression.

Ja vom Verstand her habe ich die dunkle Wolke mittlerweile schon gut durchschaut. So befasste ich mich mit den Auslösern. Wieso braut sie sich überhaupt zusammen, macht sich auf den Weg um sich dann über einen Menschen zu positionieren und auch immer wieder heftigst „auszuregnen“? Hier spielen biologische Faktoren, wie zum Beispiel Stoffwechselstörungen im Gehirn, familiäre Dispositionen und belastende Lebenserfahrungen, wie Streit, Erkrankungen und Traumata, mit ein. Kommen dann in der Gegenwart noch belastende bzw. einschneidende Lebensumstände dazu, kann das eine depressive Episode auslösen

Die sogenannte kognitive Triade wird in Gang gesetzt. Sie schmückt sich mit dem wenig einladenden Schlagwort „negativ“, welches sich auf die Selbstsicht, Weltsicht und Zukunftssicht ausweitet. Keine schönen An- und Aussichten. So sind die letzten Wochen bis heute wirklich herausfordernd.

Schon am frühen Morgen reisst meine dunkle Wolke unhöflich und mit viel zu viel Lärm meine Zimmertüre auf. Ich bin noch müde. Ein- und Durchschlafprobleme gehören in den meisten Fällen mit zum „Depressionspacket“. Darauf nimmt meine Wolke aber keine Rücksicht. Auch trug sie bis zum heutigen Tag kein Frühstückstablett mit meinem Lieblingsbaulbeerporridge und meinem Latte Macchiato an mein Bett. Dafür gibt sie sich besonders viel Mühe ihre negativen Gefühle, die innere Leere und Antriebslosigkeit sowie Hoffnungs- und Freudlosigkeit um mein Bett zu drapieren. Da ist sie sehr detailverliebt und legte sich dementsprechend ins Zeug. Wer möchte da noch gerne aufstehen und diese Gefühlsmauer durchbrechen?

An manchen Tagen dauert es oft 30 Minuten oder länger, bis ich schaffe mir selbst genug Mut zuzusprechen, um endlich die Bettdecke wegzuschlagen und aufzustehen. Meine Jogginghose und das Schlabbershirt liegen meistens noch vor meinem Bett. Umständlich nestle ich an der Hose. Sie ist in der Regel auf links gedreht. Beim Bücken dröhnt mir oft der Kopf.

Die dunkle Wolke - Andockstelle Sofa
Die dunkle Wolke – Andockstelle Sofa

Ich weiß gar nicht mehr genau wie, aber irgendwann finde ich mich auf dem Sofa im Wohnzimmer wieder. Das Sofa – meine „Andockstelle“ – also ein Ort an dem ich irgendwie noch „sein“ kann. Ich leide unter starken Konzentrationsstörungen. Viel mehr als Fernsehen gucken ist oft nicht drin. Immerhin schaue ich mir hin und wieder einige Dokumentationen über Depressionen an, wie ich eingangs erwähnte.

Darüber hinaus habe ich sämtliches Interesse an den Dingen und Freizeitaktivitäten, die ich vorher so gerne tat, verloren. Nichts macht mir noch richtig Freude oder Spaß. Nach und nach fahren zudem auch meine sozialen Kontakte „lehrbuchmäßig“ nach unten. Ich habe einfach keine Kraft mehr mich bei anderen Menschen zu melden und habe das Gefühl auch ein Stück weit in Vergessenheit zu geraten.

In der Fachsprache nennt man diese Interessen- und Freudlosigkeit „Anhedonie“- „das Fehlen von Vergnügen in Situationen, die normalerweise vergnüglich sind“. Psychologen sprechen in diesem Fall von einer mittelschweren bis schweren Depression. Autsch!

An so vielen Tagen suche ich vergebens nach der Kraft aktiv am Leben teilzunehmen. Dadurch nagen massivste Schuldgefühle an mir. Ich funktioniere nicht mehr, werde den täglichen Anforderungen nicht mehr gerecht, fühle mich von Stunde zur Stunde wertloser und als Belastung.

Und immer wieder holt mich das Gefühl ein schnell sein zu müssen. Schnell entscheiden, schnell machen, schnell überlegen, schnell gesund werden ….

Ich erinnere mich an die ersten Staffeln von Grays Anatomy. Wenn es dort nicht mehr weiter ging lag die betreffende Person manchmal stundenlang auf dem Badezimmerboden und die Freundin oder der Freund legten sich einfach daneben und „hielten mit aus.“ Ich frage mich: Geht das im wahren Leben ? Ist dafür noch Zeit, sich auf den sprichwörtlichen Badezimmerboden zu legen? Und findet man heutzutage überhaupt Menschen, die sich „dazu legen“ und „aushalten“?

Mittlerweile schlägt die Uhr 11, manchmal ist es sogar noch später. „Steh auf und mach dir etwas zu Essen!“, fordert mich der Rest der „ursprünglichen“ Sandra auf. Nichts …. ich habe das Gefühl am Sofa festgetackert worden zu sein. „Steh auf! Du liebst doch dein Blaubeerporridge und es ist alles da im Kühlschrank! Es ist wichtig, das du endlich etwas isst!“ Ja ja, ich weiß, ungesunde Essgewohnheiten und Appetitverlust gehören auch oft zur Symptomatik einer Depression. Irgendwann finde ich mich endlich, zum ersten Mal am Tag, in der Küche wieder. Irgendwelche Töpfe stehen auf dem Herd. In einem köchelt das Porridge und im anderen die Blaubeeren. Sogar die Kaffeemaschine arbeitet endlich dienstbefliessen und brüht meinen Latte Macchiato auf. Ich habe es geschafft und fühle mich, als hätte ich den Mount Everest bestiegen. Wieder auf dem Sofa sitzend löffele ich gedankenverloren mein Porridge.

Ich wollte das doch alles nicht!

Ich will das alles nicht!

Ich will diese Gefühle nicht länger durchleiden!

Ich will diese dunkle Wolke weiß malen!

Die dunkle Wolke - weiß malen!
Die dunkle Wolke – weiß malen!

„Ich will diese dunkle Wolke weiß malen!“, rufe ich durch dem Raum. Der Hund schreckt auf, trottet auf mich zu und holt sich eine Portion Streicheleinheiten ab. Soll bekanntlich gut tun, ein Tier zu streicheln, habe ich mal gehört.

Zwischendurch ging es mir einige Tage lang etwas besser. Die dunkle Wolke ließ sich etwas seltener blicken. In dieser Zeit entstand der Post, den ich jetzt erst veröffentliche.

Ich hoffe das das Medikament wirkt, welches die Botenstoffen im Gehirn wieder in Bewegung bringen soll. Das meine ich sogar wörtlich, denn die meisten Antidepressiva (die SSRI – selektive Serontonin-Wiederaufnahmehemmer) erhöhen die Serotoninkonzentration im sogenannten synaptischen Spalt (der Spalt zwischen zwei Nervenzellen), indem sie nach deren Ausschüttung ihre Wiederaufnahme in die Speicher der Sendernervenzelle verhindern. So können sie sich hoffentlich wieder länger im besagten Spalt bewegen und hoffentlich wieder etwas „Glück verteilen“.

Die dunkle Wolke - mein Glaube
Die dunkle Wolke – mein Glaube

Was ist eigentlich mit Gott? Ich bin ehrlich, mein Glaube wird auch gerade auf eine harte Probe gestellt. Ich frage mich wozu? Wozu jetzt noch Depressionen? Reicht es denn nicht langsam? Mein Mann motivierte mich auf einen besonderen Konzertabend zu gehen. Ein Pianist spielte seine Lieder, die er inspiriert durch die Befreiung aus seiner Depression komponierte und wurde dabei von einer Band und einem Chor begleitet. Ich saß, mit dem Programmheft auf dem Schoß, in eine der Reihen und wusste nicht was ich genau dabei empfand. Danach beteten noch liebe Glaubensgeschwister für mich und meinen Mann. Wir hatten kurz umrissen, was uns belastet. In der darauffolgenden Nacht ging es mir schlimmer als zuvor. Ich kann es nicht verstehen und sehe keinen Sinn darin.

Kürzlich startete ich eine persönliche kleine Glaubensreise. Begleiter sind mir dabei die Bücher von Sharon Garlough Brown. Im ersten Band „Unterwegs mit dir – Vier Frauen auf einer Glaubensreise“ werde ich mit den vier Hauptfiguren des Romas vertraut gemacht:

Die dunkle Wolke - Glaubensreise
Die dunkle Wolke – Glaubensreise

In jeder dieser Frauen, die sich mehr oder weniger zögerlich entschließen sich auf diese besondere Glaubensreise zu begeben, kann ich etwas erkennen, was auch zu mir gehört. Eine Wesensart, eine Herausforderung, eine Sichtweise, eine ähnliche Lebenserfahrung. Ich schreibe Tagebuch und halte besondere Erkenntnisse fest.

Die dunkle Wolke - Glaubensreise
Die dunkle Wolke – Glaubensreise

Außerdem finde ich es gut, wenn ab und an ein „rosa Luftballon“ durch die dunkle Wolke fliegt. Dieser Begriff hat sich irgendwie etabliert und steht für Lebensfreude und auch kleine Überraschungen, die ich mir im Alltag wünsche. Ich glaube ich verwende diesen Begriff so gerne, weil er unpräzise und schwammig ist und somit Raum für Spekulationen lässt. Das macht es natürlich nicht einfach im Alltag, weder für mich noch für andere.

Die dunkle Wolke & rosa Luftballons
Die dunkle Wolke & rosa Luftballons

Deswegen versuche ich vorsichtig zu identifizieren, was für mich ein „rosa Luftballon“ ist. Beispielsweise, wenn ich es schaffe das Porridge etwas schneller auf den Tisch zu bringen oder mir mein Mann sogar eins zubereitet, wenn meine Kinder kommen und wir Zeit füreinander haben , wenn eine Freundin/Bekannte oder ein Freund nachfragt wie es mir geht, wenn ich erzählen darf, wenn ich einfach „sein“ darf, wenn ich die Hunderunde schaffe zu laufen, wenn ich es schaffe zum Sport zu gehen….

Dann übertünchen erste weiße Farbkleckse das Schwarz der dunklen Wolke.

Plötzlich ist die dunkle Wolke dann wieder zappenduster. Ungemütlich baut sie sich über mir auf und öffnet die Regenschleusen. Hilflos schaue ich nach oben.

Ich möchte die Wolke doch so gerne weiß malen!

Und doch – an so vielen Tagen finde ich den Pinsel nicht, wieder an anderen Tagen hält sich die weiße Farbe versteckt, dann wieder fehlt mir eine Leiter oder auch ein Ermutiger, der mir das Equipment zum Streichen reicht und sogar ein wenig mit pinselt… ich weiß es nicht. Ich weiß nur:

Die Wolke soll weiß und fluffig werden!

Die dunkle Wolke soll wieder weiß und fluffig werden!
Die dunkle Wolke soll wieder weiß und fluffig werden!

♥-lichst, Sandra

3 Gedanken zu „Die dunkle Wolke

  1. Liebe Sandra, ich habe alles gelesen und finde es so so gut, daß du den Mut hast das hier zu teilen. Ich hatte jetzt bedingt durch den Umzug in ein anderes Land und den Schwierigkeiten, die entstanden, einige Monate einen “leichten” depressiven Schub. Ist mir jetzt klar geworden, weil ich damit durch bin. Ich verstehe dich und ganz ehrlich :ich hätte auch jemanden gebrauchen können, der sich einfach neben mich legt und aushält. Hatte ich aber nicht. Stattdessen habe ich Tagebuch geschrieben. Seitenweise. Immer wieder geweint, getrauert und reflektiert.
    Ich würde mich sofort zu dir aufs Sofa setzen, mit dir Cappuccino trinken und schweigen. Oder zuhören. Aber uns trennen soviele km…. Aber ich setze mich virtuell mal zu dir. 🙂 Ganz liebe Grüße, Maike

  2. Liebe Sandra,
    ich danke dir für deine Offenheit und wünsche dir von Herzen, in den vielen dunklen Wolken die weißen fluffigen Schäfchenwolken zu erkennen und Gottes tragenden Hände!
    Letztes Jahr kamen wir nach unserem Italienurlaub ziemlich enttäuscht nach Hause und wir haben dort überlegt, unseren nächsten Urlaub in Deutschland an der Ostsee zu buchen. Dann habe ich deinen Blog zum Schlossgut Groß Schwansee gelesen und nach einiger Überlegung – ist ja nicht ganz billig 🙂 – haben wir gebucht und bald geht es los. Wir sind aufgeregt und freuen uns, auch wenn die Temperaturen gerade eher Frühling anzeigen… Gott segne und leite dich, liebe Grüße
    Andrea

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