Zwischen Nervensystem, Bindung und einem „moralisch neutralem“ Kaffeetisch

Zwischen Nervensystem, Bindung und einem „moralisch neutralem“ Kaffeetisch

In den letzten Jahren habe ich begonnen, meine Werte gründlich zu beleuchten.
Was glaube ich eigentlich?
Warum handle ich, wie ich handle?
Was davon gehört wirklich zu mir – und was habe ich einfach übernommen?

Im Zuge dessen habe ich mich intensiv mit Themen wie Nervensystem, Trauma, Co-Regulation, Selbstregulation, Emotionen, Bindung und vielem mehr beschäftigt. Teilweise in Ausbildungen, teilweise in meinen eigenen kleinen Exkursen spätabends auf dem Sofa, wenn es still wurde.

Und natürlich blieb es nicht theoretisch.

Sobald man sich mit Bindung beschäftigt, steht plötzlich das Thema Erziehung im Raum.

In dem Zusammenhang habe ich angefangen, meine eigene Kindheit zu betrachten. Und meine Zeit als junge Mutter.

Wie bedürfnisorientiert war das eigentlich?
Wie viel Raum gab es für Gefühle?
Für echte Co-Regulation?
Für mein eigenes Nervensystem?

Und wie war es bei meiner Mutter?
Und bei deren Mutter?

Je tiefer ich schaue, desto klarer wird mir: Wir haben mit dem gearbeitet, was uns damals zur Verfügung stand. Mit dem Wissen, den Erfahrungen und den Möglichkeiten unserer Zeit.

Viele der Erkenntnisse, die heute selbstverständlich erscheinen, waren früher kaum bekannt oder noch nicht ausreichend erforscht. Begriffe wie Bindungsorientierung, Bedürfnisorientierung, Co-Regulation, Selbstfürsorge oder mentale Gesundheit gehörten nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch. Fachliteratur war oft von anderen Vorstellungen geprägt, manches wird heute sogar kritisch hinterfragt.

Auch Unterstützungssysteme sahen anders aus. Es gab weder die Fülle an Informationen noch die Vernetzung, die wir heute durch Bücher, Fortbildungen, Podcasts oder soziale Medien haben. Wer neue Wege gehen wollte, musste oft gegen gesellschaftliche Erwartungen ankämpfen oder sich sein Wissen mühsam selbst aneignen.

Und trotzdem haben viele Menschen versucht, es besser zu machen als die Generation vor ihnen. Sie haben hinterfragt, gelernt, angepasst und ihren Kindern das weitergegeben, was ihnen wichtig erschien – oft ganz ohne Literatur, ohne unterstützendes Umfeld, ohne gesellschaftlichen Rückenwind.

Ich habe hingesehen.


Ich habe mich an Situationen erinnert, in denen ich heute anders reagieren würde.
Ich habe gespürt, wo mein eigenes Nervensystem überfordert war – und ich es damals nicht einordnen konnte.

In mir ist ein buntes Gefühlsdurcheinander aus Dankbarkeit für das, was gelungen ist, und Trauer über das, was ich heute anders machen würde. Da ist Zufriedenheit – und da ist Scham. Da ist Stolz – und da ist Wehmut.

Wenn ich ehrlich bin, würde ich hier und dort gerne zurückreisen.
Im Reisegepäck mein heutiges Wissen und meine gewachsenen Persönlichkeit.

Ich würde mich weniger verunsichern lassen. Ich würde mehr auf mein Bauchgefühl hören, gerade wenn jemand mal wieder eine Augenbraue dezent in die Höhe zieht und dabei verkündet, das ich „so das Kind auf jeden Fall verziehen werde.“

Dafür würde ich jetzt so mancher Tiefkühlpizza den Stempel „moralisch neutral“ aufdrücken, wo ich mich damals oft im schlechten Gewissen suhlte, wenn diese an Tagen totaler mütterlicher Erschöpfung in den Backofen geschoben wurde. Dabei war nicht die Pizza entscheidend – sondern ob ich emotional noch erreichbar war.

Das ist übrigens heute immer noch so, das viele Dinge, die im Grunde neutral sind, von der Gesellschaft einen moralischen Stempel bekommen. Dieser Stempel hält uns in Aufgaben gefangen, die uns am Ende des Tages die Kraft für das tatsächlich Wichtige nehmen. Nämlich die Kräfte in unsere Beziehungen zu stecken.

Den Begriff und dessen Bedeutung lernte ich in dem Buch „Was Familie leichter macht“ von Nora Imlau kennen. Sie schreibt dort folgendes:

„Moralisch neutral sind all die Dinge, die in unserer Gesellschaft moralisch aufgeladen sind, obwohl sie eigentlich nichts mit unseren Werten zu tun haben.“

(Nora Imlau, Was Familie leichter macht, 2025 Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co.KG)

Ich erkläre es mal an einem einfachen Beispiel, was ich an anderer Stelle mal aufgeschnappt habe (wenn ich noch wüsste wo): Die Kaffeetafel! Früher bedeutete „zum Kaffee einladen“ ein kleines gesellschaftliches Ereignis. Bei der Kriegsgeneration und den Babyboomern war der Tisch sorgfältig gedeckt, das gute Porzellan wurde hervorgeholt, die Servietten gefaltet. Oft stand eine selbst gebackene Torte in der Mitte – perfekt glasiert, mit Sahnetupfen verziert. Die Botschaft war: Du bist mir wichtig. Ich habe mir Mühe gegeben.

Mit der Generation X wurde es nach und nach entspannter. Man traf sich immer noch zum Kaffee, aber die Tiefkühltorte war völlig akzeptabel. Der Tisch war nicht mehr Bühne für Perfektion, sondern einfach ein Ort der Begegnung. Die Mühe verlagerte sich – weniger in die Form, mehr in den Austausch.

Und heute? Bei vielen aus der Generation Y oder Z läuft es noch informeller. „Chillen bei mir?“ Vielleicht gibt es Kekse, vielleicht nur Kaffee, vielleicht bestellt man spontan etwas. Niemand misst den Wert des Treffens an der Auswahl auf dem Tisch. Wichtig ist nicht mehr, was dort steht, sondern wer dort sitzt.

Die Quintessenz: Der gedeckte Tisch ist moralisch neutral. Ob Porzellan oder Pappbecher, Schwarzwälder Kirschtorte oder Tiefkühlkuchen – das sagt nichts über den Wert der Beziehung aus. Moralisch bedeutsam ist nicht die Perfektion der Bewirtung, sondern die Pflege der Verbindung.

Zeit schenken.

Zuhören.

Da sein.

Neue Wege

Ich freue mich, dass junge Eltern heute neue Wege gehen. Dass sie sich informieren, hinterfragen und bewusst entscheiden, wie sie ihre Kinder begleiten möchten.

Ich freue mich über jedes Kind, das emotional gesehen wird. Über jede Familie, die versucht, Beziehung, Bindung und gegenseitiges Verständnis in den Mittelpunkt zu stellen.

Gleichzeitig sehe ich darin keinen Bruch mit früheren Generationen, sondern eine Entwicklung. Wissen wächst. Erkenntnisse verändern sich. Menschen lernen dazu. Was gestern als richtig galt, wird heute ergänzt, erweitert oder neu betrachtet.

Für mich liegt darin etwas Hoffnungsvolles.

Ich glaube daran, dass ehrliche Gespräche zwischen den Generationen heilsam sein können. Dass Verständnis entsteht, wenn wir einander zuhören und bereit sind, die Perspektive des anderen kennenzulernen.

Wenn Eltern bereit sind, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.
Wenn erwachsene Kinder ihren eigenen Weg der Reflexion gehen.
Wenn beide Seiten neugierig bleiben.

Mit Fragen.
Mit neuen Erkenntnissen.
Mit Mitgefühl.

Dann kann etwas Wertvolles entstehen: eine reifere Verbundenheit, die nicht auf Perfektion beruht, sondern auf gegenseitigem Verständnis, Respekt und Begegnung auf Augenhöhe.

Ich glaube, dass jede Generation etwas Wertvolles mitbringt.

Die Jüngeren bringen neue Erkenntnisse, frische Perspektiven und oft den Mut mit, Gewohntes zu hinterfragen.

Die Älteren bringen Erfahrungen mit, die kein Buch vermitteln kann. Geschichten, die von gelebtem Leben erzählen. Wissen, das über viele Jahre gewachsen ist.

Beides hat seinen Platz und es braucht die Bereitschaft, einander stehen zu lassen.

Oder sitzen zu lassen – vielleicht am „moralisch neutralem“ Kaffeetisch – mit selbst gebackener Torte oder einfach mit ein paar Keksen und einem Latte Macchiato. Denn dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, können Verständnis, Verbundenheit und manchmal sogar neue Sichtweisen entstehen.

Was denkst du darüber?

Herzlichst, Sandra

(Ich erwähne das Buch als freien Stücken, ohne Produktsponsoring oder dergleichen.)

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