Sei still

Sei still

„Was machst du?“, fragte sie mich.

„Ich trinke eine Tasse Cappuccino“, antwortete ich.

„Und was machst du sonst noch?“

„Ich trinke einfach eine Tasse Cappuccino!“

„Aber das geht doch nicht!“, wunderte sie sich und ich hörte wie ihr Ton dabei eine Spur vorwurfsvoller klang.

„Man trinkt nicht nur einfach eine Tasse Cappuccino!“, dozierte sie. „Man muss noch etwas anderes dabei tun!“

„Na ja… tue ich ja. Ich blicke dabei aus dem Fenster!“, versuchte ich sie zu beschwichtigen.

„Aus dem Fenster gucken ist definitiv keine ordentliche Tätigkeit!“, empörte sie sich nun endgültig.

„Doch ist es! Früher, das habe ich kürzlich erst in einer Zeitschrift gelesen, war „aus dem Fenster gucken“ eine richtige Tätigkeit, die die Menschen angaben, wenn sie zum Beispiel ihre Hobbys aufzählten!“, klärte ich sie auf. „Meistens suchten sie sich dabei ein Fenster aus, welches zur Strassenseite zeigte. Mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand und den Ellenbogen aufgestützt auf dem Fensterbrett schauten sie dem mehr oder weniger geschäftigen Treiben auf ihrer Strasse zu.“, informierte ich sie weiter.

„Ja aber…!“

„SCHLUSS JETZT!“,

brachte ich diese unangenehme, fordernde und viel zu leistungsorientierte Stimme in mir zum Schweigen.

Nicht selten hatte ich in den letzten Monaten das Gefühl das sich der Tag schon am frühen Morgen zu ein Berg von Zeitstunden auftürmte, den es zu bezwingen galt. Ich sah nur Aufgaben, Aufgaben, Aufgaben, die mit wippenden Fuß darauf warteten, das ich sie diesen Berg hinaufschleppte und in diese Zeiteinheiten quetschte.

„Tu etwas vernünftiges! – Du hast schon lange keinen Sport mehr getrieben! – Was planst du heute zum Mittagessen zu kochen? – Wie wäre es mal, wenn du dich am Wochenende hinsetzt um einen Speiseplan zu machen! – Das Haus muss übrigens auch mal wieder geputzt werden! – Früher ist dir das alles besser gelungen! – Früher hattest du mehr im Griff! – Was…“

„Stoooooooop!“

,rief ich und nahm einen Schluck von meinem Cappuccino. Ich blickte nach draussen auf die Strasse. Abgesehen von den Kirchenglocken war es still. Und das änderte sich auch nicht wesentlich über den Tag. Steckten und stecken wir doch nun monatelang im „Lockdown zwei“. Wenn wir im ersten noch im gewissen Aktionismus verweilten, so war und ist es im zweiten Lockdown doch ziemlich still um und in uns geworden.

Ich merkte, wie ich von Woche zu Woche immer mehr auf mich zurück geworfen wurde. Die Herausforderungen meiner persönlichen Welt inmitten derer der globalen Welt stapelten sich in mir auf. Dinge und Aktivitäten, die vor einem Jahr noch normal waren, sind zu Besonderheiten geworden.

Ich wünschte, wir verknüpften mit dem Ausruf „AHA“, nicht mehr Abstand, Hygiene und Alltagsmasken, sondern wieder ein Ausruf des Erstaunens über die kleinen und großen Dinge unseres Alltags.

Ich bin von Haus aus ein nachdenklicher Mensch. Die Krise brachte mich noch mehr zum Nachdenken. Ausgelöst vom Tot meines geliebten Hundes und meinen anschliessenden Krankenhausaufenthalt (https://meinsommerzimmer.de/der-tropfen-der-das-fass-zum-ueberlaufen-brachte ), hat der Wunsch nach Veränderung einen noch größeren Stellenwert in mir bekommen.

Der Wunsch nach „Einfachheit“ wird größer.

Gleichzeitig möchte ich mit meinem Leben einen Unterschied machen.

Was zählt wirklich?

Muss ich wirklich so einen Zeitberg hinauf kraxeln und 1000 Aufgaben in den Tag stopfen?

In einer Zeitschrift las ich kürzlich den Spruch „Sei still und wisse!“. Der Leser wird dazu animiert, still zu sein und einfach in sich hineinzuhören. Die Stille auszuhalten und einmal nicht mit irgendeinem Aktionismus zu betäuben. Unwillkürlich ging ich an dieser Stelle gedanklich einen Schritt weiter und mir kam in dem Zusammenhang der Psalm 46, 11 in den Sinn.

„Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“

Denn wenn ich mich für ein Leben mit Jesus entschieden habe, finde ich nicht ausschließlich mich, wenn ich in mich hinein höre, sondern vor allen Dingen Jesus, der in mir wohnt.

Was wäre, wenn ich lerne meinen Zeitberg, der sich mir am frühen Morgen präsentiert, mit Jesu Augen zu betrachten? Dann sehe ich einen Berg voller Zeitstunden, die Jesus mir jeden Morgen neu zum Gestalten schenkt.

Ja, manche Stunden schenkt er mir, damit ich die eine oder andere Stunde der Steuererklärung, dem Wäscheberg oder dem Hausputz widme. So viele Stunden schenkt er mir auch, um ein gutes Buch zu lesen, um mir eine Badewanne einzulassen, mit einer Freundin zu telefonieren, eine Runde durch den Wald zu laufen oder auch mit einem Cappuccino in der Hand aus dem Fenster zu gucken.

Vor ein paar Tagen schnappte ich mir mein besonderes Notizbuch, wo ich die Übersicht über Alltagsaufgaben, Projekte, Wünsche, Ziele und sonstige Dinge gewinne. Ich merkte, das ich den Inhalt dringend überarbeiten musste. Und so nahm ich einen Stift und strich zunächst einmal. Ich strich die eine oder andere Arbeit, die nicht wirklich nötig ist, der eine oder andere Wunsch, der dann eh nur im Regal verstaubt, das eine oder andere Ziel, was nicht wirklich erstrebenswert ist.

Jesus möchte nicht das ich mit Mühe und Not den Zeitstundenberg erklimme, dass ich den Zeitberg als Last oder Druck empfinde, mir zumute jede dieser Stunden mit meinen Leistungsanspruch zu füllen.

Er wünscht sich, das ich “still werde und wisse”, das jede Stunde eine göttliche Stunde von ihm geschenkt ist, die es gilt weise einzuteilen. Hier eine göttliche Stunde still am Fensterbrett mit einem Heißgetränk in der Hand und dort eine ebenso göttliche Stunde in der ich mit dem Wäschekorb in der Armbeuge durch mein Haus schreite.

„Sei still und wisse!“

„Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!“

„Sei still!“

Mein Hund beherrschte die Kunst des “Still-seins-und-aus-dem-Fenster-Guckens” übrigens wunderbar.

Herzlichst, Sandra

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