Maskenheldin

Maskenheldin

Zum zweiten Mal stand ich im selben Gang. Ich bekam wieder kaum Luft und schob meinen Mund-und Nasenschutz erneut zurecht. Als ob das helfen würde. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie mein Mann unsere Einkaufsliste abarbeitete. Er hat sich in diesen Zeiten zum absoluten Einkaufstalent entwickelt. Routiniert steuerte er unseren Einkaufswagen durch die Gänge, umrundete schwungvoll und im gebührenden Abstand andere Kunden und griff zielorientiert in die Regale.

Ich hingegen war froh, als ich den Laden ohne asthmatischen Anfall oder Kreislaufkollaps wieder verlassen konnte. Ich war noch nicht ganz aus der Ausgangstüre getreten, da zerrte ich mir schon die Maske von Nase und Mund und japste, wie nach einem Sprint, nach Luft.

Maskenheldin!

Maskenheld(in) ist eins der vielen neuen Worte, welche uns in den letzten Wochen häufiger begegnet. Wir denken dabei besonders an all die Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, und wirklich Großartiges leisten. Unermüdlich kümmern sich diese Menschen um ihre Mitmenschen oder verwalten Güter und Produkte, die wir existenziell benötigen – wie etwa Lebensmittel und Klopapier.

Mein Alltag schaute jetzt wochenlang alles andere als heldenhaft aus. Dabei fing alles so solide an.

Schon in der ersten Woche, noch bevor die Bundeskanzlerin die Bevölkerung über den Ernst der Situation aufklärte und deren Dringlichkeit mit Ausgangsbeschränkungen und der Gleichen Nachdruck verlieh, hielt ich mich schon brav an die Hygienevorschriften und Abstandsregeln. Genau genommen war mein Abstand zum Nächsten so groß, das ich direkt zu Hause blieb.

Ich fand das auch gar nicht so „beschränkend“ und der „Lock down“ brachte mich zunächst auch nicht aus der Fassung. Ein Bekannter meinte noch, das mir so manche meiner Lebenskrisen jetzt als Ressource dienen könnte, um unbeschadet durch diese Zeit zu kommen. Ja, davon war ich ebenso überzeugt.

Des Weitern bin ich von Haus aus ein sehr strukturierter Mensch. Ich setzte dem Spruch meiner Mutter „Ordnung ist das halbe Leben!“ schon vor Jahren noch einen drauf und vermeldete: „Struktur ist das halbe Leben“! In diesem Sinne rückte ich der neuen Situation mit Papier und Stift zu Leibe und kreierte flugs unseren „Corona-Alltag“.

Maskenheldin!

Um 7 Uhr stehe ich auf, mache mich fertig und schlüpfe in meine Jeans. Einmal am Tag in eine Jeans zu hüfen ist übrigens ein nützliches Instrument, um die Frage zu analysieren, ob Corona wirklich dick macht. Bei den kurzkettrigen … ich meine kulinarischen Kohlenhydraten, die meinem Mann (selbstverständlich auf für in unverständliche Weise!) bis heute in den Einkaufskorb springen, kann auch ich schonmal schwach werden.

Gott hab Dank habe ich auch gewissenhaft meine Sporteinheit in den Coronalltag eingebaut. Ich glaube ansonsten würde ich die Jeans längst gesprengt haben.

Nach der Morgentoilette schnappe ich mir die Leine und den Hund und lüfte ihn und mich an der frischen Luft. Mit strammen Schritt geht es ab durch den Wald. Früh am Morgen ist die Luft noch von der kühleren Nachtluft geschwängert. Ich atme tief ein – herrlich!

Zu Hause richte ich den Männern und mir das Frühstück. Brötchen, Früchtequark, Obstteller und dazu Kaffee-und Kakaovariationen nach gusto.

Ich könnte ewig so sitzen bleiben und noch einen zweiten Capuccino genießen.

Homeschooling, Homeoffice, Haushalt – die täglichen drei „H’s“ winken uns energisch zu. Wir haben es mal mit einfachem Zurückwinken versucht, aber da verstehen sie keinen Spaß. Also – frisch gestärkt ans Tageswerk!

Maskenheldin!

Während mein Sohn über eine Analyse in Deutsch brütet, kommuniziert mein Mann mit seinen amerikanischen Kollegen. Beste Zeit um die englischen Wortfetzen, die durch seine Bürotür dringen, mit einigen spanische Vokabeln aufzupeppen. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Spanisch-App passt sich den heutigen Zeiten an: „Ella va a aumentar la destancia,“ lese ich. (Sie wird den Abstand vergrößern). Die App weiß sehr gut Bescheid über „sozial distancing“ – ich meine natürlich „distancia social“.

Nachmittags finde ich Zeit für einen gemütlichen Cappuccino auf dem Sofa, vertiefe mich in ein gutes Buch oder ich probiere mich mit ein paar Übungsbuchstaben in Lettering für Linkshänder aus. An anderen Tagen rufe ich den einen oder anderen aus meiner Gemeinde an oder verteile Kartensegen.

Wenn mein Mann den Computer runterfährt beginnt für uns der gemeinsame Abend. Wir gehen ins Heimkino, schlagen uns im Kniffel spielen oder backen auch schonmal einen Kuchen. Der perfekt strukturierte Alltag.

Mit diesem Plan bin ich der Maskenheld in meiner kleinen Welt.

Diese „perfekte kleine Welt“ hielt ziemlich genau 2 Wochen stand.

„Ich habe am Wochenende schon gemerkt, wie sehr sich wieder meine Stimmung verdunkelte und Ängste den Blick auf das Gute und die Hoffnung erschweren….!“

Tagebucheintrag vom 7.04.20

7 Uhr morgens. Ich blieb liegen. Eine ganze Weile rührte ich mich nicht. Irgendwann stand ich dann doch auf, nur um ein Zimmer weiter zur schlurfen und meinen Sohn zu bitten mit dem Hund zu laufen. Mit großer Mühe bekam ich das Frühstück gemacht und stocherte selbst nur in meinem Müsli herum. Ich hatte Magenschmerzen und mir war ständig schwindelig. Sämtliche sportliche Ertüchtigung wurde gestrichen. Punkt.

Nachts konnte ich wieder mal kaum schlafen. Ich sorgte mich um alles Mögliche. Ich litt unter dem was Corona mit uns Menschen macht. Auch wenn in der Presse 1000 mal davon berichtet wird, wie alle zusammenrücken und zusammenhalten….ich fühlte mich besonders in dieser Zeit sehr einsam. Beziehungen wurden auf die Probe gestellt – und schwächelten hier und da auch mal.

Überhaupt – was soll denn nur werden?

  • Werde ich jetzt Zeit meines Lebens mit einer Maske durch den Aldi keuchen?
  • Außerdem bin ich eine Knuddelliese. Werde ich überhaupt wieder meine Freunde in den Arm nehmen können?
  • Was passiert mit der Wirtschaft, den Läden, den Restaurants?

Von Passah und Auferstehungsfest war bei mir auch nicht viel zu spüren gewesen. Jesus schien verstecken mit mir zu spielen. Er hatte sich so gut versteckt, das ich ihn nicht fand.

Kurz: Mein Corona-Alltag löste sich total auf.

Zurück blieben bei der Maskenheldin Chaos und Mühe.

Was war denn nur passiert? Ich bin eine Macherin – eigentlich. Doch immer wieder werde ich durch meinem „lebhaften Seelen-und Gemütsleben“ und diversen chronischen Erkrankungen ausgebremst. Es müssen nur ein paar Dinge zusammen kommen und schon sind meine Ressourcen aufgebraucht. Und „Dinge, die zusammen kommen“ gab es in meinem Leben im wahrsten Sinne des Wortes vom ersten Atemzug an. Zwischen Herzfehler, Multiple Sklerose, Krebserkrankungen, Verluste, Notoperationen, Panikattaken versuchten und versuchen wir „Familie zu leben“. Versuchten meine Eltern und später auch mein Mann und ich mit unseren Kindern „Normalität“ zu leben. Dazu kommt, das ich – und da sprechen wir nicht so gerne drüber – zeitgleich mit Corona so richtig in die Wechseljahre gerauscht bin. Und während andere Frau frohlocken, das sie abgesehen von den Corona-Hygienevorschriften deutlich weniger zu bedenken hätten als vorher, muss ich seit Monaten zwei Hygienefronten besondere Aufmerksamkeit schenken.

Coronaalltag, Hormonschwankungen, Asthmaanfälle – weder mein Körper noch meine Seele kamen bei so vielen Veränderungen hinterher. Die begleitende Seelsorgerin in mir wurde von der Wucht diverser Hormon- und Gefühlswellen überflutet und flüchtete sich in die hinterste Ecke. Das kannte sie so auch noch nicht.

Innerlich litt ich, nach außen präsentierte ich mich wohl eher wie ein missmutiges, schimpfendes „altes Weib“ (so wurden Frauen im Wechsel früher landläufig genannt).

Maskenheldin?

Wird sich das denn nie ändern? Ich nehme wahr, das ich immer wieder auf der Grenze zur Überbelastung balanciere und mich dabei ungelenk bemühe, mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Viele meiner „Grenzerfahrungen“ nehme ich als Scheitern meinerseits wahr.

  • Schon wieder krank auf dem Sofa gestrandet und eine Arbeit nicht fertig bekommen.
  • Schon wieder voller Angst und Schrecken, statt vertrauensvoll in Jesu ruhend.
  • Schon wieder am Meckern und Jammern, statt Dankbarkeit zu zeigen.
  • Schon wieder ungeduldig statt nachsichtig mit mir und meinen Mitmenschen gewesen.
  • Schon wieder versagt und Mutter Theresas weise Worte in den Wind geschlagen.

“Die Möglichkeit zu haben, jemanden zu verletzten, der uns verletzt hat, und es dann nicht zu tun. Das ist es , was uns von schlechten Menschen unterscheidet“ sagt Mutter Theresa.

Manchmal gelingt es mir, Menschen die mir sehr weh tun, nicht zurück zu verletzen. Oftmals leider nicht! Besonders dann nicht, wenn ich nur noch mit aller-allergrößter Kraft auf dieser Überbelastunsgrenze taumle und all meine Ressourcen aufgebraucht sind. Dann wittert meine Seele eine Gelegenheit sich auszuschütten und ignoriert dabei direkt noch eine weitere Lebensweisheit.

„Ich muss nicht um jeden Preis immer das letzte Wort haben!“ tut Dallas Willard in seiner ruhigen Art kund.

„Und ob ich das muss!“, rebelliere ich gekränkt und überfordert. Und schon purzelt alles Mögliche ungefiltert aus mir heraus und richtet Schaden an.

Schon wieder auf ganzer Linie versagt.

Ganz hinten aus der Nische meiner Seele sprach mir die begleitende Seelsorgerin (oder war es Jesus?) Mut zu.

Während ich stets wahrnehme, das ich wieder mal scheitere, sieht Jesus voller Güte und Liebe eine Frau, die immer wieder herausgefordert wird ihr „Lebens-Gleichgewicht“ zu trainieren.

„Heute Abend haben mein Mann und ich eine Dokumentation auf Bibel TV ((Priscillas Psalm, ich erwähne diesen Film aus freien Stücken, ohne Produktsponsoring oder dergl.) gesehen. Eine junge Frau geht für 10 Tage in ein Kloster, um den Alltag und die Art des Glaubenlebens dieser Frauen dort kennen zu lernen. Mich hat der Film sehr berührt, auf eine friedliche Art innerlich entschleunigt und wieder ein Stück weit näher zu Jesus gebracht. Alles was diese Frauen tun wird von Stille, Gebet oder einer Lesung begleitet. Besonders blieb mir Priscillas Psalm „Der Herr ist mein Hirte“, den sie mit Klavierbegleitung sang, im Herzen.“

Tagebucheintrag vom 24.04.20

Zaghaft, ganz zaghaft verlässt die Seelsorgerin in mir ihre Deckung und kommt wieder hervor. Ich sitze mit meinem Tagebuch auf dem Sofa. Neben mir hat es sich Jesus gemütlich gemacht.

  • „Wie oft wird sich das im Leben noch wiederholen?
  • Komme ich irgendwann einmal besser damit klar?“, schreibe ich in mein Notizbuch.
  • Was bedeutet eigentlich „besser klarkommen?“ frage ich Jesus.

Jesus lasst seinen Blick eine Weile auf mich ruhen. Dann schlägt er die Bibel auf und macht mich auf zwei Verse aus dem 1 Petrusbrief aufmerksam:

“Darüber freut ihr euch von ganzem Herzen, auch wenn ihr jetzt noch für eine kurze Zeit auf manche Proben gestellt werdet und viel erleiden müsst. So wird sich euer Glaube bewähren und sich als wertvoller und beständiger erweisen als pures Gold, das im Feuer gereinigt wurde. Lob, Ruhm und Ehre werdet ihr dann an dem Tag empfangen, an dem Christus für alle sichtbar kommt.”

(1.Petrus 1, 6-7)

Der Pessimist in mir lässt sich sofort von den Worten „auf manche Probe gestellt“ und „erleiden müssen“ erschrecken. Doch dann lese ich weiter. Mein Glaube wird sich als wertvoller und beständiger erweisen als pures Gold!

Ich möchte daran festhalten, das sich mein Glaube in jeglichen Herausforderungen des Lebens bewähren wird.

Auch jetzt in dieser Coronakrise, wo ich vor mir selbst und vielleicht auch vor meinen Mitmenschen eher wie ein gescheiterter Maskenheld wirke.

Ich klappe mein Tagebuch zu und schaue durch das große Wintergartenfenster in den Garten.

Krisen kommen und gehen. Heute ist es der Corona-Alltag, der mich aus dem Gleichgewicht bringen möchte, morgen vielleicht eine Krankheit oder auch gewöhnliche Hormonschwankungen, die mich kippeln lassen.

Die Karte einer Freundin, ein gemütliches Zuhause, die Familie, ein gutes Essen und so Vieles mehr will mir die Krise als „Selbstverständlichkeiten“ verkaufen. Fast hätte ich mich auf diesen Deal eingelassen, da verändert Jesus meinen Blickwinkel.

Die Schwere im Herzen löst sich wie Morgennebel langsam auf und ich erkenne das Besondere in dem vermeintlich Gewöhnlichen.

  • Familienbande – wir halten zusammen! Wir leben einfach „unsere eigene Normalität“.
  • Ich habe in dieser Zeit eine neue Freundin gewonnen. Es hat dann doch jemand hinter die Fassade des „alte Weibes“ geguckt und wir lernen uns gerade immer besser kennen.
  • Blumen und Masken lagen vor der Haustüre (da glaubt dann doch noch jemand daran das ich eine Maskenheldin bin – auch im Einkaufsladen ;-))
  • Ermutigende Kommentare und Karten von Bloglesern, die mir schreiben, wie sehr ihnen mit meinen Beiträgen Inspiration, Hilfe und Segen bin.
  • Eine christliche Zeitschrift veröffentlichte wieder einen Artikel von mir.

Alles was ich im Leben sein muss ist aufrichtig vor Gott zu sein,

„denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an!“

(1.Samuel1,7)

Und so trainiere ich mein „Lebens-Geichgewicht“ weiter, in dem Wissen das Jesus mich dabei liebevoll und gnädig ansieht.

Herzlichst, eure Sandra

Ein Gedanke zu „Maskenheldin

  1. Ach ja, so habe ich auch angefangen: voller Elan und Pragmatismus, mit Listenschreiben und Struktur! Und bin ebenfalls in meine Grenzen gerauscht! Der Kindergarten läuft ohne mich weiter – ich sitze als Risikogruppenmensch zuhause im Home Office. Nichts für mich! Ich vermisse es so sehr, mein eigentliches Leben! Und außerdem läuft es ohne mich weiter! Bin ich überhaupt wichtig? Ist überhaupt noch irgendwas wichtig? Läuft nicht einfach alles irgendwie so vor sich hin, an mir vorbei?
    Ich mag die Vorstellung, dass Jesus es sich hier neben mir auf meiner Couch gemütlich macht! Dass er bei mir ist und besser als ich weiß, wofür das alles gut ist, was es für mich zu lernen und zu tun gibt und wir es weiter gehen wird! Ich werd mir dann jetzt mal einen neuen Kaffee machen und hören, was er zu sagen hat!
    Danke dir für dein Teilen mit uns!

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