Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte

Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte

Ich konnte lange nicht mehr schreiben. Ich wollte es, ja wirklich! Immer wieder schielte ich zum Computer, war mir sicher, das ich es heute schaffen würde.

Heute schaffe ich es, mal wieder ein Ströpfchen aus dem Coronalltag (so kann man den Hashtag jetzt googlen) des Sommerszimmers zu berichten, versuchte ich mich an unzähligen Tagen zu motivieren. Heute schaffe ich es, meine treuen Followern auf Instagram wenigstens mal wieder mit einen Feed ins Sommerzimmer gucken zu lassen.

Oder auch nicht.

Statt dessen scrollte ich mich durch die Feeds vieler anderer Menschen aus Instahausen. Ich sah kreative, angenervte, optimistische oder total verzweifelte Menschen in ihren Storys reden. Viele schlugen und schlagen sich mit Herausforderungen um, deren Worte jetzt ein Jahr Zeit hatten sich fest in unser Gehirn einzunisten. Homeoffice, Homeschlooing, Maske, Hygienekonzept … und nicht zuletzt der Lockdown – um mal einige davon zu nennen. Stay Home ist das Wort der Stunde oder besser gesagt der Monate.

Hinter all diesen Worte verbergen sich Patienten, die schwerkrank auf den Intensivstationen um ihr Leben kämpfen, Angehörige, die vor den Gräbern derer trauern, die diesen Kampf verloren haben, Selbständige und Ladeninhaber , die vor den Scherben ihrer Existenz stehen, Schüler, die sich fragen ob ihr Internet vielleicht funktioniert, wenn sie sich bekleidet wie auf einer Polarexpedition in den Garten neben dem Schneemann hocken und unzählige weitere Einzelschicksale.

Eine Flut von Was soll nur werden – Ängste, Ich kann nicht mehr – Ängste und Mir wächst alles über den Kopf – Ängste türmen sich auf.

Ja und genau hier komme ich ins Spiel.

Ich war und bin leider sehr “angstbereit”, wie man das so schön in der Psychologie ausdrückt. Stellt man mir die Frage Was wäre das Schlimmste, was Sie sich verstellen könnten, was passieren kann?, dann weiß ich nicht ob ich lachen oder weinen soll. Die Seelsorger oder Psychologien meinen es ja nicht böse, haben sie doch gelernt, das diese Frage dem Zweck dienen soll, den Ratsuchenden zu beruhigen. Denn schließlich trifft doch das Schlimmste was in der bestimmten Situation passieren kann, eh nicht ein.

Ähhh – doch! Als mir ein Seelsorger vor Jahren diese Frage stellte, konnte ich genau sehen, wie er nach meiner Antwort einige Tränchen weg blinzelte. Denn leider kann ich diese Frage sehr gut beantworten, weil das Schlimmste in der jeweiligen Situation leider ganz oft in meinem Leben auch eintrat.

Nichts desto trotz möchte ich gerne optimistisch durchs Leben gehen.

Weder meine kleine Welt, mit ihren Herausforderungen, noch die globale Welt, deren Lebenstaktstock gerade von einem Virus geschwungen wird, wird mich doch nicht aus meinem persönlichen Gleichgewicht bringen. Leider doch! Ich hab’s erst nicht bemerkt. Wenn ich im Lockdown I auch noch optimistisch und voller Wir schaffen das – Mentalität durchs Wohnzimmer oder auch durch Instahausen turnte, so finde ich mich heute erschöpft auf dem Sofa wieder.

„Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“,

empörte sich mein lieber Papa, als ich mich als Kind in einer experimentierfreudigen Phase an zwei Schranktüren hing, und deren Stabilität damit auf die Probe stellte. Die Scharniere gaben nach, es machte Rums und ich fiel unsanft auf den Boden. Die Schranktüren baumelten, nur noch von einer Schraube gehalten, traurig am Möbelstück hin und her. Au weh!

Jetzt baumele ich schon wieder. Nicht am Schrank, sondern an den Umständen.

Ich höre regelrecht den Psychologen Adler, der mich mahnend anschaut. „Sandra, nicht die Umstände sind das Problem, sondern wie du sie wahrnimmst und damit umgehst!“. Ja ja, ….. oder „Schau auf Jesus, Jesus ist in jeder Lebenslage bei uns“, versuchte mich eine bibeltreue Bekannte aufzubauen. Auch das kann ich unterschreiben.

Heute klappe ich den Computer auf und schreibe. Genauso wie die Mama im Homeschooling, der Ehemann im Homeoffice , der Einzelhändler, der seine Produkte jetzt online anbietet oder auch die junge Mutter, die in anderen Umständen ist … erzähl ich jetzt auch von meinen Umständen.

Was hat mein Fass zum Überlaufen gebracht?

Ganz leise auf Zehenspitzen schlich sich mein persönlicher „Lockdown“ an. So wurde mein sowieso schon sehr übersichtlicher Alltag, dessen Takt sehr von meinem Befinden abhängt, noch übersichtlicher. Denn plötzlich schlossen schon wieder die Restaurants, wo mein Mann und ich aus dem Alltag ausstiegen und bei Kerzenlicht den Eheabend genossen. Der Zirkel bei Mrs. Sporty, die ermutigende Gemeinschaft, wichen der App, an der ich im Wohnzimmer mal mehr und mal weniger akribisch die Übungen wiederholte.

Sylvester 2020 stießen wir in der Familie an. Auf ein Neues Jahr! Möge es besser als dieses werden! Besser? Jetzt wäre ich froh, wenn es wenigstens so wie 2020 wäre. Das Virus wütet weiter, mittlerweile hat es sogar noch ein paar Mutanten im Schlepptau. Und in meiner kleinen Welt, ist der Tropfen ,der den Eimer zum Überlaufen brachte, schon am 11. Januar gefallen.

Am 11.1 brach mein Hund zusammen. Blutbild und Ultraschall bestätigten mir, was ich schon ahnte. Mein Hund war schwer krank. Er litt unter einem Milztumor, der schon ins Abdomen blutete. Es folgten nur noch wenige Tage, in denen wir uns im Tag- und Nacht – Breitschaftsdienst um unseren treuen Freund und Begleiter kümmerten und sorgten.

Flake ist tot! Mein Freund ist tot. Mein Begleiter, mein Gesprächspartner, mein „Baby“!

Grosses Geheule, Trauer… 3 Tage lang…

3 Tage lang? Mehr nicht?

Nun, 3 Tage später parkte der Rettungswagen in der Nacht vor unserem Haus. Ich bekam wieder meine üblichen Unterbauchschmerzen, die sich zu schlimmen Koliken entwickelten. Also fand ich mich Nachts um 3 Uhr in der Notaufnahme wieder. Die Augen tränten noch vom dem Stäbchen des Coronatests. Das Krankenhaus – einer meiner schlimmsten Traumata – musste ich nun durchleben. Der Ort wo ich 2003 bei einer Geburt fast mein Leben verlor, der Ort wo ich 2015 nach einer Bauchspiegelung jahrelang unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung litt.

„Überwinderin!“ hörte ich plötzlich diese kleine Stimme in mir.

Ja, ich bin eine Überwinderin! Ich habe die Tage im Krankenhaus überwunden. Ich habe für meine Gesundheit gekämpft, die Ärzte über meine bestehenden Diagnosen aufgeklärt, um ihnen klar zu machen, das ein möglicher Routineeingriff in meinem Fall höchstwahrscheinlich komplizierter sein würde. Nachdem alte Befunde studiert wurden, waren sich alle einig. „Sie sind wohl vom Fach?“ staunte einer der Ärzte und unterstütze meine Überlegungen. In Kürze spreche ich erstmal mit meinen Ärzten vor Ort und es folgen vermutlich weitere Untersuchungen.

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Vor mir dampft eine Tasse Capuccino, um meinen Nacken liegt ein warmes Kirschkernkissen. Ich habe mich offenbar in der vorletzten Nacht „verlegt“. Wörtlich wie auch sprichwörtlich, denn „verlegt“ fühlt sich auch irgendwie mein Leben an.

Und nun?

Ich schreibe, denn ich weiß ja das die Umstände nicht mein Leben bestimmen müssen. Ich bin ehrlich – leicht fällt mir das Ganze gerade nicht! Dafür braucht uns chronisch Kranken auch nicht erst ein Virus die Krone äh Corona aufzusetzen. Ruhepausen, Medikamente….. und dazwischen drappiert sich dann der Coronaalltag.

Ich glaube, weswegen ich mich jetzt so fühle, wie ich mich fühle, ist diese Endlichkeit, die Flakes Tod verursacht. Alles andere, was ich nach und nach entbehren musste, kann wiederkommen. Es ist möglich, das ich wieder bei Kerzenlicht Spaghetti bei meinem Lieblingsitaliener schlürfe, es ist möglich wieder Sport im Fitnessstudio zu machen, es ist sogar möglich das es meiner Gesundheit besser geht und das sich eine neue Fellnase an mich ran kuschelt.

Es ist aber seeehr unwahrscheinlich, das mein Flake wieder kommt. Ich wurde wieder mal mit einer Krankheit konfrontiert , die wieder einmal tödlich ausging. Ich habe etliche Menschen verloren die ich geliebt und geschätzt habe …. jetzt mein Hund.

Am Wochenende bin ich zum ersten Mal eine meiner Hunderunden gelaufen. Ich habe es geschafft, ich habe mich „überwunden“. Mit roten Wangen und feuchten Augen betrete ich wieder den Hausflur.

Ich atme tief durch und da ist sie, die Frage, die ich mir über kurz oder lang immer stelle, wenn ich in schlimmen Umständen stecke: Was machen eigentlich die Menschen, die keine Beziehung zu Jesus haben? Manchmal bleiben mir die Worte weg, es ist mir tatsächlich alles zu viel und ich verstehe Gottes Wege überhaupt nicht. Und dann spreche ich nur dieses kleine Gebet:

„Herr, du siehst!“

Jesus sieht und weil er mich sieht und liebt, habe ich schon so viel überwunden.

„Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat.“

Römer 8,37 Elberfelder Übersetzung

Herzlichst, eure Sandra

2 Gedanken zu „Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte

  1. Super schön liebe Sandra ich wünsche dir für die Zukunft das du Gottes Wirken deutlich spürst. Und er dir zeigen wird was das alles soll.
    Gott bürgt uns nie mehr auf wie wir tragen können. Oder er macht keine Baustelle auf ohne dir das passende Werkzeug zur Verfügung zu stellen. Sei gesegnet liebe Grüße Silke M F

  2. Ach mensch, du hast aber auch alles mitgenommen was du gefunden hast. Manchmal kommt eben alles auf einmal.
    Ich wünsche dir viel Kraft und Durchhaltevermögen für die Zukunft und mit dem Frühlingsbeginn wird vielleicht alles ein kleines Stückchen besser.
    Liebe Grüße Marie

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